Krankenberichte

Roswitha, Jahrgang 1952.

Meine Geschichte

21.9.1999, ein Datum, das ich nie vergessen werde. Ich ging gegenüber unserer orthopädischen Praxis zu den Radiologen, um meine Lunge röntgen zu lassen.

Ein ständiger Reizhusten, mittlerweile auch Sehstörungen, hatten mich dazu veranlasst, die Lunge mal untersuchen zu lassen.

Nach 30 Jahren Zigarettenkonsum und viel psychischem Stress in den letzten Jahren hatte ich schon kein gutes Gefühl. Nach der Untersuchung kam der Radiologe ziemlich blass aus seinem Zimmer, wo mein Bild hing. Er rief mich zu sich und zeigte mir die Aufnahme. Ein sehr suspekter Befund, ein zentrales Bronchial-Neoplasma mit Ausbreitung in den rechten Unterlappen. Seltsamerweise bin ich nicht umgefallen, habe aus der Praxis dann meinen Mann angerufen, der auch sofort herüberkam.

Dann ging es eine Tür weiter zum Internisten. Dort wurden die nun folgenden Untersuchungen festgelegt und gleich Termine gemacht. CT Thorax, MRT Kopf, Skelettszintigraphie und Bronchoskopie. Ich hatte schreckliche Angst vor den Untersuchungen, da ich unter starker Klaustrophobie litt. Die Ärzte haben mir aber immer etwas zur Beruhigung gegeben, das hat geholfen.

Diese Untersuchungen kamen dann zu dem Schluss, dass es sich hier um ein entdifferenziertes Adenocarzinom der Lunge mit drei kleinen Hirnmetastasen handelt. (NSCLCcT3-4,cN2,cM1)

Laut Prof. Z. der Lungenklinik hatte ich eigentlich keine Chance mehr! Ca. 5% höchstens. Eine Operation war wegen der Hirnmetastasen nicht möglich.

Es wurde dann doch noch eine Behandlungsmöglichkeit gefunden, die dann in der Klinik stattfinden sollte.

Das habe ich allerdings abgelehnt, da ich die Bestrahlungs- und Chemotherapie lieber ambulant machen wollte.

Durch meinen Ehemann hatte ich auch die nötige Unterstützung und auch fachliche Begleitung.

Wir haben uns dann in einem radiologischen Zentrum, was gerade neu war, und mit den neuesten Geräten ausgestattet, vorgestellt. Die Unterhaltung mit dem Radiologen war sehr angenehm und machte mir auch wieder Mut, denn er sagte, bevor uns nicht das Gegenteil bewiesen wird, gehen wir davon aus, dass der Tumor und die Metastasen wegzukriegen sind.

Das war die erste positive Aussage, die ich bekam !!

Am nächsten Tag mussten wir hin, um die Bezirke, die bestrahlt werden sollten, anmalen und für den Kopf eine Maske aus Kunststoff anfertigen, zu lassen, um diese auch anzumalen, damit nur die betroffenen Bezirke bestrahlt werden. Das war eine sehr anstrengende Geschichte.

Ich hatte aber für mich beschlossen, dass ich nicht sterben wollte, sondern kämpfen würde.

Eine Broschüre in dem Strahleninstitut hat mich auf die Idee gebracht, den Tumor zu personifizieren und ihn zu bekämpfen. Das tat ich dann auch jeden Tag während der Bestrahlung. Ich sagte ihm, dass er keine Chance gegen mich hat, und dass ich sowieso viel stärker bin als er.

Am 4. Oktober fing dann die Behandlung an: 8 Wochen lang täglich Thoraxbestrahlung und 4 Wochen lang im Anschluss die Kopfbestrahlung. Dazwischen insg. 9 Chemotherapien. Ich habe mich immer auf die Behandlung gefreut, weil dort etwas gegen den Krebs getan wurde.

Ich hatte mich gut vorbereitet und z.B. einige Portionen Hühner-, Rinds- und Gemüsebrühe eingefroren, damit ich auch an den Tagen, wo es einem nicht so gut ging, ein wenig Kraftnahrung zu mir nehmen konnte. Außerdem trank ich jeden Tag 5 Liter Wasser, um die Giftstoffe möglichst schnell aus dem Körper wieder zu entfernen. Meine Verwaltungsarbeit für die Praxis machte ich weiter, so dass ich jeden Tag etwas zu tun hatte. Mit meinem Mann ging ich jeden Tag spazieren, anfänglich noch mehr als eine Stunde, zum Schluss waren es noch um die 15 Minuten, mehr ging nicht.

Die Beschwerden der Behandlung waren natürlich nicht so einfach durchzustehen. Ich hatte, abgesehen von einer Glatze auch einige verbrannte Stellen auf den Schlüsselbeinen, die täglich behandelt werden mussten, Gicht in den Fingern und Sensibilitätsstörungen in den Fingerbeeren, die ich auch heute noch habe, sowie ständige Polyneuropathien, die immer wieder Nervenschmerzen verursachten.

Sehr schmerzhaft waren auch die Verbrennungen der Speiseröhre, die mich über lange Zeit nur ungewürzte und lauwarme Speisen essen ließen.

Sehr unangenehm war auch, dass ich zweimal fast einen Darmverschluss hatte, was natürlich auch sehr schmerzhaft war. Dies kam von dem Medikament Kevatril, das in der Chemo-Infusion war, damit es mir nicht übel wurde. Leider war vergessen worden, mir dazu ein Abführmittel zu verschreiben.

Wegen der Kopfbestrahlung bekam ich die ersten 4 Wochen hochdosiertes Cortison, damit kein Hirnödem auftritt. Es führte zu ungeheurem Hungergefühl, so dass ich konsequent gewichtsmäßig zunahm. Insgesamt hatte ich nach den 8 Wochen 8 kg zugenommen.

Jetzt fing die Wartezeit an, bis man das erste CT machen konnte. Insgesamt sollte ich 13 Wochen Geduld haben. In dieser Zeit habe ich natürlich viel Angst gehabt.

Zu Hause gingen mein Mann und ich ab Sylvester jede Woche 1x in unsere Sauna, da verschiedene Tumoren ja auch mit Thermotherapie behandelt werden. Wir nannten es „Tumor grillen“ (der Humor darf nicht verloren gehen ).

Am 13.1.2000 wurden die ersten Kontrollen durchgeführt: MRT Kopf und CT Thorax. Die Befunde zeigten eine gute Rückbildung. Eine zusätzliche Behandlung mit einem immunstärkenden Mittel begann Mitte Dezember 99. Ich spritzte mir 4x in der Woche das Medikament in den Arm. Insgesamt verbesserte sich mein Zustand. Insgesamt nahm ich es ca. 3 Jahre.

Mein Mann und ich hatten uns entschlossen, dass ich nicht in eine Rehaklinik gehe. Stattdessen sind wir mehr in Kurzurlaube gefahren, in denen ich die Lunge trainieren konnte. Die erste Fahrt ging ins Sauerland, schon ein wenig gebirgig, die Steigerung war dann Rügen, wo die Berge schon etwas höher waren.

Zusätzlich bekam ich Atemgymnastik verschrieben, um die Lunge zu stärken.

Ende Januar 2000 habe ich mich dann das erste Mal auf den Tennisplatz gestellt und einfach wieder angefangen, mich zu bewegen und zu laufen, was sich zuerst äußerst schwierig gestaltete. Dank lieber Tennisfreunde konnte ich aber immer wieder jede Woche ein wenig mitspielen, was mir auch sehr gut tat.

Die nächsten Kontrollen waren Mitte März 2000 (CT Thorax, MRT Kopf, Knochenszintigraphie, internistische Komplettuntersuchung. Mit diesen Ergebnissen dann zum Lungenfacharzt. Diese Untersuchungen wiederholten sich dann alle 3 Monate. Es war jedes mal wie ein Gang zum Schafott. Aber es musste sein. Alle Befunde waren eigentlich immer wieder negativ, so dass es mit mir immer besser ging. Bei einer Szintigraphie im Mai 2001 stellte man aber eine vermehrte Anreicherung der Testsubstanz im rechten Oberschenkel und der rechten Schulter fest. Das löste eine ziemliche Panik bei mir aus. Nach zusätzlichen Untersuchungen wurde mir dann mitgeteilt, dass es sich um einen Knocheninfarkt im rechten Oberschenkel handelte, wohl bedingt durch Cortison und um eine Arthrose der 1. Rippe rechts. So konnte ich wieder aufatmen. Die dreimonatigen Kontrollen gingen bis 2004, danach Abstände von 6 Monaten, dann 1 Jahr, dann 2 Jahre. Alle Befunde waren negativ.

Zwischenzeitlich hatte ich Probleme mit Herzrhythmusstörungen, die behandelt werden mussten. Das letzte CT des Thorax fand im März 2008 statt und vom Lungenfacharzt wurde mir bescheinigt, dass keine weiteren Kontrollen nötig wären, der Lungenkrebs sei ausgeheilt!!!

Jetzt nach ca. 9 Jahren treten die Folgeschäden der Bestrahlungstherapie auf, die sich hauptsächlich im Hirn befinden. Ich habe eine nicht altersgemäße Hirnatrophie und einige Bezirke im Hirn, die nicht mehr so gut durchblutet sind und offensichtlich Schwindel und Augenprobleme ausgelöst haben. Nach Einnahme eines Blutverdünners und viel Training des Gehirns durch Auswendiglernen, Sudokus, Kreuzworträtseln etc. haben sich die Beschwerden gut zurück gebildet. z.Z. gehe ich jede Woche eine Stunde zur Gymnastik, eineinhalb Stunden zum Yogaunterricht und spiele zwei oder drei Stunden Tennis.
Jetzt wünsche ich mir ein gutes Jahr mit möglichst wenigen Beschwerden.

Das Wichtigste aber ist:
Nicht aufgeben, nicht hängenlassen!!!